Zwei Jahre #MeToo – Konsequenzen und Folgen

Am 5. Oktober 2017 erschien in der "New York Times" ein Artikel, in dem der Filmproduzent Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde. Im Zuge dieses Skandals forderte die Schauspielerin Alissa Milano betroffene Frauen auf, ihre Erfahrungen unter dem Hashtag MeToo zu teilen. 

Das Hashtag, das ursprünglich bereits 2006 von der Aktivistin Tarana Burke benutzt wurde, um auf sexuellen Missbrauch afroamerikanischer Frauen aufmerksam zu machen, trendete. 

Seit Oktober 2017 wurden immer mehr Fälle bekannt; es ist längst nicht mehr nur Hollywood, das sich mit den Vorwürfen auseinandersetzen muss. Auch in Deutschland befinden wir uns mitten in einer gesamtgesellschaftlichen, leidenschaftlichen Debatte um die Themen sexuelle Belästigung, Missbrauch und Diskriminierung. Aus einem einfachen Hashtag ist eine ganze Bewegung geworden.

Nach zwei Jahren ist es Zeit, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen: Was hat uns #MeToo gebracht? Neben durchaus positiven Entwicklungen gibt es auch Kritik an der Bewegung.

Die positiven Entwicklungen

Die mediale Aufmerksamkeit von #MeToo hat dazu beigetragen, das Thema in unser Bewusstsein zu rücken. Betroffene haben nicht mehr das Gefühl, alleine und unverstanden zu sein. #MeToo hilft ihnen, sich mitzuteilen und ihre Geschichten erzählen zu können. Die Bewegung gibt ihnen ein Ventil und eine Sprache. 

Die Debatte zeigt, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelt. Dass viel mehr Menschen betroffen sind, als wir bisher gedacht haben. Sie räumt auf mit Mythen und Vorurteilen. Und sie macht deutlich: Jede*r kann betroffen sein – und Jede*r schuldig.

Und es gibt weitere positive Entwicklungen: Vor einem Jahr ist "Themis", eine unabhängige Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung  und Gewalt in der Film-, Fernsehen- und Theaterbranche, ins Leben gerufen worden. 

Zu einer positiven Einschätzung kommt auch eine repräsentative Studie des Meinungsforschungsinstituts Kantar Public für den Spiegel im Oktober 2018: Zwei Drittel der Deutschen (unabhängig vom Geschlecht) finden, dass die #MeToo-Debatte positiv ist, weil sie auf Probleme aufmerksam macht. 

 

Die negativen Folgen

Wie eingangs beschrieben, gibt es auch Kritik an der Bewegung. Das liegt vor allem an den Ergebnissen einer US-amerikanischen Studie, die die Auswirkungen von #MeToo auf das Verhalten von Männern und Frauen am Arbeitsplatz untersucht. 

In einer anonymen Online-Studie sind Frauen und Männer unterschiedlicher Branchen befragt worden, ob Frauen von der Debatte profitieren. Und das Ergebnis dieser Befragung ist alarmierend: Fast die Hälfte der Männer gab an, Angst vor falschen Anschuldigungen zu haben. Konsequenz dieser Angst ist, dass viele Männer Frauen am Arbeitsplatz aus dem Weg gehen und Situationen vermeiden, in denen sie mit Frauen alleine sind. Das führt sogar so weit, dass Männer lieber keine Frauen mehr einstellen – insbesondere in Branchen, in denen Frauen potentiell viel mit Männern interagieren müssten.

Auch eine repräsentative Umfrage des Spiegel hat ergeben, dass die #MeToo-Debatte keine konkreten Verbesserungen bewirkt hat. Demnach geben nur zehn Prozent der Befragten an, dass es durch die #MeToo-Debatte weniger sexuelle Belästigung im privaten Umfeld gebe. Immerhin 18 Prozent der Befragten geben an, dass es durch die #MeToo-Debatte zu weniger sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz komme. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass deutlich mehr Männer als Frauen der Meinung sind, dass über dieses Thema zu viel gesprochen werde.

Hat #MeToo dem Thema also mehr geschadet als genützt?

Kurz und einfach: nein. 

#MeToo hat Themen in den Fokus gerückt, über die viel zu lange nicht und – wenn überhaupt – nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Dies führt zwangsläufig zu einer Verunsicherung im Umgang mit diesen Themen, mit der eine Gesellschaft erst lernen muss umzugehen. 

Wichtig ist, dass wir uns dieser Verunsicherung nicht beugen – und aufhören miteinander zu reden. Sexuelle Belästigung, Diskrimierung, Gleichberechtigung: eine echte Veränderung, ein echtes Umdenken verlangt das Aufbrechen verkrusteter Strukturen und ein ehrliches Hinterfragen patriarchaler Machtverhältnisse. Und das braucht Zeit. Und kann nicht in zwei Jahren erreicht sein.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die #MeToo-Debatte missbraucht wird, um genau diese Strukturen weiter aufrecht zu erhalten. Wir dürfen keine "faulen" Argumente zulassen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Frauen wieder die Verliererinnen dieser Debatte werden und statt befreiter und angstfreier leben zu können noch mehr Diskriminierung am Arbeitsplatz erleben. 

Und das geht nur, wenn wir weiter Missstände ansprechen. Wenn wir weiter reden. Wenn wir weiter diskutieren. Wenn wir weiter um Lösungen ringen. Und wenn wir ehrlich bereit sind, uns und unser Verhalten zu hinterfragen und zu verändern. 

Dafür müssen Betroffene weiter laut sein. Und wir alle müssen endlich zuhören.

Weiterführende Literatur:

Mehrheit der Männer und Frauen findet #MeToo-Debatte positiv – Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar Public für den Spiegel über die Auswirkungen von #MeToo in Deutschland

The #MeToo Backlash – US-Amerikanische Studie über die Auswirkungen von #MeToo auf das Verhalten von Männern und Frauen am Arbeitsplatz

Hat #MeToo für Sie schon etwas verändert? – Spiegel-Umfrage in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey über die Auswirkungen von #MeToo in Deutschland

 

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